Das berichtet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA). Datengrundlage ist die „Online-Jobcenter-Befragung Bürgergeld“ (OnJoB).1 Das IAB berichtet von scheinbar widersprüchlichen Befunden: »Nicht wenige Integrationsfachkräfte der Jobcenter zweifeln an der tatsächlichen Erwerbsfähigkeit eines erheblichen Teils der von ihnen betreuten Leistungsbeziehenden. Entsprechend groß ist der Zuspruch für eine Reform, die im Bedarfsfall einen Wechsel in ein anderes Sicherungssystem erleichtert. Gleichzeitig spricht sich nur eine Minderheit für eine grundsätzliche Änderung der geltenden Erwerbsfähigkeitskriterien aus.«
Die Grundsicherung für Arbeitsuchende richtet sich an Personen, die ihren Lebensunterhalt nicht eigenständig bestreiten können, aufgrund ihres Alters und ihrer gesundheitlichen Konstitution aber einer Erwerbstätigkeit von wenigstens drei Stunden pro Tag nachgehen könnten. Das Gesetz spricht daher von erwerbsfähigen Leistungsberechtigten.
Gesundheitliche Einschränkungen sind unter Grundsicherungsbeziehenden jedoch weit verbreitet und mindern ihre Erwerbschancen teils erheblich. Diese Beeinträchtigungen gehen teils so weit, dass die Jobcenter mehrheitlich an der Erwerbsfähigkeit vieler Leistungsbeziehenden zweifeln.
In der Jobcenter-Befragung haben 61 Prozent Zweifel an der Erwerbsfähigkeit vieler Leistungsbeziehenden geäußert.

Quelle der Abbildung: Torsten Lietzmann et al. (2026): Die Mehrheit der Jobcenter-Beschäftigten betreut Leistungsberechtigte, die aus ihrer Sicht nicht erwerbsfähig sind, IAB-Forum, 24.02.2026
Ein deutlich größerer Anteil spricht sich zudem für einen erleichterten Wechsel der betreffenden Personen in ein anderes Sicherungssystem aus. 86 Prozent der Befragten befürworten entsprechende Reformen. Infrage kämen die Erwerbsminderungsrente oder die Grundsicherung bei Erwerbsminderung.
An dieser Stelle gibt es aber ein Problem: »Eine zentrale Voraussetzung für einen solchen Wechsel ist derzeit, dass die Deutsche Rentenversicherung eine volle oder teilweise Erwerbsminderung bescheinigt. Deren Gutachten scheinen die Einschätzung der Jobcenter, die sich auf die medizinische Begutachtung durch den Ärztlichen Dienst der Bundesagentur für Arbeit beziehungsweise das Gesundheitsamt stützen, allerdings selten zu bestätigen«, so das IAB.
Gleichzeitig wird darauf hingewiesen: »Trotz wahrgenommener Diskrepanz der Einschätzungen von Rentenversicherung und Jobcentern zieht nur eine Minderheit der Befragten den Schluss, die gesetzlich definierte Grenze zwischen Erwerbsfähigkeit und voller Erwerbsminderung anzupassen. Nur gut ein Viertel der Jobcenter-Beschäftigten spricht sich für eine entsprechende Gesetzesänderung aus, 57 Prozent der Befragten lehnen dies (eher) ab.«
Das mag den einen oder anderen überraschen. Das mehrheitliche Plädoyer für die Erleichterung einer Aussteuerung aus dem SGB II bei gleichzeitiger Beibehaltung der geltenden Erwerbsfähigkeitsdefinition muss jedoch kein Widerspruch sein, meint das IAB in seiner Interpretation, sondern:
»Vielmehr könnte es den Wunsch widerspiegeln, einerseits möglichst viele Betroffene wieder in Erwerbsarbeit zu integrieren, andererseits aber handlungsfähiger in den Fällen zu werden, in denen eine solche Beschäftigungsperspektive nach vielfach langem Verbleib im Leistungsbezug nicht mehr realistisch erscheint.«
Fußnote
- Die Online-Jobcenter-Befragung Bürgergeld ist die erste bundesweite Wiederholungsbefragung von Jobcenter-Beschäftigten in gemeinsamen und kommunalen Jobcentern. Sie ist Teil der Bürgergeld-Evaluation des IAB. OnJoB richtet sich sowohl an die Geschäftsführungen aller Jobcenter als auch an eine Zufallsstichprobe von Jobcentern und Jobcenter-Beschäftigten aus dem Bereich Beratung und Vermittlung sowie aus der Leistungsgewährung. OnJoB erhebt Erfahrungen und Einschätzungen der Jobcenter-Beschäftigten rund um das Thema Bürgergeld. Die erste Befragungswelle fand im Frühling des Jahres 2024 statt. Bundesweit nahmen 3.100 Beschäftigte aus Jobcentern an OnJoB teil. Darunter sind 681 Beschäftigte aus kommunalen Jobcentern. Insgesamt nahmen Beschäftigte aus 360 Jobcentern teil, davon befanden sich 65 Jobcenter in kommunaler Trägerschaft.
Vgl. ausführlicher zu dieser Befragung: Sarah Bernhard et al. (2024): OnJoB: Die Online-Jobcenter-Befragung Bürgergeld. IAB-Forschungsbericht, Nr. 17/2024, Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), 2024.
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