Am 8. März 2026 stand mal wieder der Internationale Frauentag im Kalender. Das, was wir heute als Weltfrauentag bezeichnen, ist bereits in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg entstanden. Einige Jahrzehnte später, im Jahr 1977, wurde der 8. März zum „Tag der Vereinten Nationen für die Rechte der Frau und den Weltfrieden“ erhoben – und natürlich gibt es eine eigene offizielle Website: International Women‘s Day. Wie in jedem Jahr gibt es dann rund um dieses Datum zahlreiche Berichte über die Lage „der“ Frauen und den Stand der Gleichstellung.
Aber „die“ Frauen gibt es nicht, so wenig wie „die“ Arbeitslosen oder „die“ Arbeiter. Auch hier finden wir die ganze Bandbreite von erfolgreichen Biographien und Lebensmodellen, aber auch von Abgehängtsein und den vielgestaltigen Versuchen, in den Kelleretagen der Gesellschaft irgendwie über die Runden zu kommen.
Die jahrzehntelange Diskussion über „Gleichstellung“ hatte schon immer einen Schwerpunkt auf Fragen des Arbeitsmarktes, was angesichts der Bedeutung der Positionierung des Einzelnen auf den Erwerbsarbeitsmärkten (und gleichzeitig die – richtigerweise – zunehmende Wahrnehmung und Thematisierung der „Schattenseite“ der Erwerbsarbeit, also das, was man als Sorgearbeit bezeichnet und der ganze Bereich der nicht erwerbsförmig ausgestalteten Familienarbeit) nicht überrascht.1
Vor diesem Hintergrund soll dieser kurze Beitrag einen arbeitsmarktrelevanten Baustein herausgreifen und eine besondere Problematik gleichsam hervorheben: Alleinerziehende. Dazu hat der SWR einen Beitrag gemacht, auf den hier verwiesen werden soll:
➔ Armutsgefährdet trotz Vollzeitjob: Alleinerziehende Stuttgarterin berichtet von großem Druck, so ist der Beitrag von Susanne Babila überschrieben: »Allein in Stuttgart wachsen in über 12.000 Haushalten Kinder mit nur einem Elternteil auf. 85 Prozent sind Frauen. Trotz Vollzeitjob sind viele von Armut bedroht. Laut einer Studie sind alleinerziehende Elternteile überdurchschnittlich armutsgefährdet – selbst wenn sie einen Vollzeitjob haben. Der größte Prozentsatz der Alleinerziehenden sind Frauen. Eine von ihnen ist Natascha di Nardo. Sie lebt mit ihrem elfjährigen Sohn und ihrem Kater Cosmi in Stuttgart-Mönchfeld.«
Man kann sich den Beitrag auch als Podcast anhören.
Die Geschichte von Natascha di Nardo in Auszügen:
»Die Wohnanlage ist gepflegt, die Drei-Zimmer-Wohnung blitzsauber. Die 40-Jährige trennte sich vor fünf Jahren von ihrem Ehemann, später folgte die Scheidung. „In der Corona-Zeit spitzten sich die schwelenden Konflikte zu“, erzählt sie, „und ich musste handeln“. Da ihr Ex-Ehemann nicht aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen wollte, machte sie sich auf die Suche, ohne zu ahnen, welche Odyssee sie erwarten würde.
Alleinerziehende werden bei der Wohnungssuche häufig als „Risiko-Mieter“ eingestuft. Vermieter zweifeln an ihrer Bonität oder unterstellen ihnen Unzuverlässigkeit. Natascha di Nardo bekam sehr viele Absagen, obwohl sie einen festen Teilzeit-Arbeitsvertrag vorweisen konnte und ihr Vater bereit war, für Miete und Kaution zu bürgen. „Am Ende gab es nur ein Angebot: Eine 54 Quadratmeter große Wohnung für 1.100 Euro, die nur einen Kachelofen hatte und auf deren Balkon immer wieder tote Ratten lagen“. Sie ist noch immer aufgewühlt, wenn sie sich daran erinnert. Die Wohnung habe sie nur genommen, weil sie so verzweifelt war.
Nach vier Umzügen und monatelanger Suche fand die 40-Jährige für sich und ihren Sohn die Drei-Zimmer-Wohnung, in der sie heute lebt. Kostenpunkt: knapp 900 Euro, dazu Strom, Telefon, Internet und Nebenkosten. Damit sei fast die Hälfte des Nettoeinkommens aus ihrem Job verbraucht, erklärt Natascha di Nardo, die seit einigen Jahren in Vollzeit als Angestellte in der öffentlichen Verwaltung arbeitet und finanziell gerade so über die Runden kommt. Sie müsse ständig darauf achten, für was sie ihr Geld ausgibt.
„Extras“, wie sie es nennt, sind beispielsweise die Rechnung für eine Waschmaschine, weil die alte kaputt ist, eine neue Brille für das Kind oder die Autoreparatur.«
Sie arbeitet wohlgemerkt seit einigen Jahren sogar in Vollzeit. Und dennoch geht es ihr wie vielen anderen auch:
»Wie Natascha di Nardo arbeiten gut 37 Prozent der Alleinerziehenden in Vollzeit. Dennoch seien sie überdurchschnittlich armutsgefährdet, so Sebastian Will vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung. Einer Studie des Instituts zufolge sind 14 Prozent der Alleinerziehenden mit Vollzeitjob armutsbetroffen … Dies zeigt, dass selbst ein Vollzeiteinkommen plus Kindergeld manchmal eben nicht ausreicht, um einen Ein-Eltern-Haushalt über die Schwelle der Armutsgefährdung zu heben.«
Und es geht hier um weit mehr als die Frage nach dem konkreten Geldbetrag:
»Die gelernte Bankkauffrau weiß mit Geld umzugehen, doch finanzielle Mittel, Zeit und Kraft seien knapp. Sie fühle sich häufig überfordert und lebe wie in einem Hamsterrad und das seit vielen Jahren. Auch wenn sie krank sei und keinen guten Tag habe, müsse sie für ihren Sohn Frühstück und Pausenbrot vorbereiten und die Hausaufgaben kontrollieren, ganz zu schweigen von Einkauf und Haushalt. Jeden Tag dafür sorgen zu müssen, dass alles funktioniert, zumindest für ihren Sohn, das mache ihr einen ungeheuer großen Druck.
Immer wieder hat Natascha di Nardo Angst, ihrem elfjährigen Sohn, den sie über alles liebt, vieles nicht bieten zu können und ihrer Verantwortung als Mutter nicht gerecht zu werden. Diese Zerrissenheit begleitet Natascha di Nardo jeden Tag.«
Und man muss den Blick weiten auf die anderen, vor- und nachgelagerten Systeme und deren (Nicht-)Funktionsfähigkeit:
»Einen Vollzeitjob als Alleinerziehende stemmen zu können, setze eine gut funktionierende Kinderbetreuung voraus, sagt Paola Rapp, vom Verband für alleinerziehende Mütter und Väter in Tübingen. Doch gebe es in vielen Orten aktuell Kindergärten, die aufgrund von Fachkräftemangel nur noch am Vormittag geöffnet sind. Dazu kommt: Nur jeder vierte unterhaltspflichtige Elternteil zahlt regelmäßig den gesetzlich vorgeschriebenen Mindestunterhalt, so Paola Rapp weiter.«
»Nataschas Ex-Ehemann zahlt zwar Unterhalt und nimmt ihren gemeinsamen Sohn alle 14 Tage, wie üblicherweise gesetzlich vorgeschrieben, aber das sei einfach zu wenig Entlastung im Alltag. Denn selbst wenn man mal Zeit für sich alleine habe, erledige man all das, was liegengeblieben ist, sagt Natascha di Nardo und lächelt.«
Und Hoffnung markiert auch das Ende des Beitrags:
»Natascha di Nardo hofft auf eine gerechtere Politik, mit der Alleinerziehende mehr in Vollzeit arbeiten können, ohne ständig am Rande der Erschöpfung zu sein.«
Fußnote
- Vgl. zur aktuellen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Thema „Gleichstellung“ und zugleich mit einem Schwerpunk auf das, was als Sorge- oder auch Care-Arbeit bezeichnet wird, beispielsweise diese neue Analyse von Svenja Pfahl et al. (2026): Stand der Gleichstellung von Frauen und Männern in Deutschland: Fokus Sorgearbeit. WSI Report Nr. 109, Düsseldorf: Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI), Februar 2026. Dazu heißt es zusammenfassend: »Die Analysen zeigen, dass sich positive Trends der Geschlechtergleichstellung vor allem bei den Einkommen und Rentenansprüchen (für Frauen) fortgesetzt haben. Bei der Erwerbsbeteiligung, den Teilzeitquoten sowie der Aufteilung von Haus- und Sorgearbeit stagniert die Geschlechterungleichheit hingegen auf hohem Niveau. Hintergrund hierfür sind die geschlechterspezifische Arbeitsteilung, die ungleiche Verteilung von bezahlter und unbezahlter Arbeit und das gerade in Paarhaushalten vorherrschende sogenannte Zuverdienermodell, in welchem die Männer in Vollzeit und die Frauen in Teilzeit erwerbstätig sind, während die Frauen den Großteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit leisten.« ↩︎