Die Wirtschaft steckt in der Transformation – selten war der Veränderungsdruck so groß. Das würde auch bedeuten, dass Beschäftigte aus schrumpfenden Branchen in aufstrebende Bereiche wechseln.
Könnte man annehmen. Allerdings: Genau diese Bewegungen finden immer weniger statt.
Das berichtet Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung(IAB) der Bundesagentur für Arbeit unter Bezugnahme auf den „IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radar“.

Was wird da eigentlich wie gemessen?
Mit dem IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radar lassen sich praktisch in Echtzeit Bewegungen auf dem Arbeitsmarkt nachverfolgen. Denn einem Wechsel geht üblicherweise eine Bewerbung voraus – genau diese Daten gibt es in LinkedIn. Aus diesen wird ein Vorlaufindikator für die in naher Zukunft zu erwartenden Branchenwechsel erstellt.
➔ Die Stellenwechsel werden gemessen, wenn LinkedIn-Mitglieder ihr Profil aktualisieren und dabei einen Job in einer anderen der 20 in LinkedIn standardisierten Branchen angeben. Bewerbungen werden über das Online-Bewerbungsformular in LinkedIn erfasst. Alle Daten sind aggregiert und anonymisiert. Die monatlichen Zeitreihen werden saisonbereinigt.
Der IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radar verfolgt seit einigen Jahren einen interessanten Ansatz, um die Wechselbewegungen auf dem Arbeitsmarkt zu messen:1
Um die Wechseldynamik im Arbeitsmarkt zu beurteilen,
➔ werden die Stellenwechsel aus anderen Branchen im Verhältnis zu den Einstellungen in der jeweiligen Branche betrachtet. Die Quote gibt an, wie viel Prozent aller Einstellungen darauf zurückgehen, dass Beschäftigte zwischen den 20 standardisierten Branchen aus der Branchensystematik von LinkedIn wechseln.2
➔ Zusätzlich kann in den LinkedIn-Daten nachvollzogen werden, wie sich die Zahl der Bewerbungen bis in die jüngste Zeit entwickelt hat. Während übliche Arbeitsmarktstatistiken nur Auskunft über abgeschlossene Prozesse geben, lässt sich hier das aktuelle Bewerbungsverhalten beobachten. Da eine Bewerbung üblicherweise einem Stellenwechsel vorausgeht, geben Bewerbungsdaten potenziell einen Ausblick auf das künftige Arbeitsmarktgeschehen. Analog zur Wechselquote lässt sich auch hier eine branchenspezifische Quote von Bewerbungen aus anderen Branchen im Verhältnis zu allen Bewerbungen in einer Branche berechnen.Die Bewerbungsquote kann als Vorlaufindikator dienen.3
Der eine oder mag sich die Frage stellen: Warum Daten der Plattform LinkedIn?
Detaillierte Beschäftigtendaten liegen erst mit deutlicher Verzögerung vor. Anders ist es bei laufend verfügbaren Online-Daten. So lassen sich branchenübergreifende Wechsel mit Daten des beruflichen Netzwerks LinkedIn nahezu in Echtzeit nachvollziehen.»Die Zahl der LinkedIn-Mitglieder in Deutschland, Österreich und der Schweiz beträgt derzeit über 21 Millionen. Im Vergleich zur Gesamtheit der Beschäftigten in Deutschland sind das Verarbeitende Gewerbe, freiberufliche, wissenschaftliche und technische Tätigkeiten sowie Information und Kommunikation auf LinkedIn überrepräsentiert. Personen auf LinkedIn sind im Schnitt gut qualifiziert und arbeiten in eher großen Unternehmen.«4
Die Ergebnisse aus diesem Beobachtungsinstrumentarium spiegeln sich in der allgemeinen aktuellen Bestandsbeschreibung der Arbeitsmarktentwicklung in Deutschland.
So berichtet das IAB in seiner Einschätzung der wirtschaftlichen Lage im Juli 2026:
»Am Arbeitsmarkt gibt es weiterhin wenige Änderungen. Die Arbeitslosigkeit steigt im Juli wieder etwas, wobei der Anstieg allein im konjunkturnäheren SGB-III-Bereich stattfindet, im SGB-II-Bereich bleibt die Arbeitslosigkeit unverändert. Die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung sank im Mai zum zweiten Mal in Folge. Auch die Erwerbstätigkeit insgesamt nahm im Juni erneut ab. Die Zugänge an gemeldeten offenen Stellen sanken im Juli leicht, der Bestand an offenen Stellen stieg hingegen leicht. Im IAB-Arbeitsmarktbarometer hat sich im Juli zwar die Arbeitslosigkeitskomponente etwas verbessert, aber die Beschäftigungskomponente ging zurück. Beide Komponenten liegen dabei weiter knapp unter der neutralen Marke. Damit ist auch für die nächsten Monate keine Belebung am Arbeitsmarkt zu erwarten.«
Die Monatswerte des IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radars seit Januar 2019 findet man hier.
- Vgl. für eine ausführliche Methodenbeschreibung die Erläuterungen in dem Beitrag von Enzo Weber und Murat Erer (2023): Das IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radar: „Great Resignation“ ist kein Trend, in: IAB-Forum, 14.08.2023. ↩︎
- Wer es genauer wissen will, hier die Erläuterungen in Weber/Erer (2023): Die Daten werden im Rahmen einer Kooperation des LinkedIn-Economic-Graph-Teams in anonymisierter und auf Branchenebene aggregierter Form zur Verfügung gestellt. Neueinstellungen werden als LinkedIn-Mitglieder definiert, die eine Stelle bei einem neuen Arbeitgeber oder einer Arbeitgeberin antreten und ihr vorhandenes Profil im selben Monat aktualisieren. Branchenwechsel sind definiert als solche Fälle, in denen bei Antritt der neuen Stelle eine Stelle in einer anderen Branche (mit standardisierter Branchenangabe) im Profil eingetragen war. Bewerbungen insgesamt (bzw. zwischen Branchen) sind definiert als Fälle, in denen Mitglieder auf eine Stellenanzeige hin das Online-Bewerbungsformular absenden, und zu dem betreffenden Zeitpunkt im Profil eine Stelle angeben (bzw. eine Stelle außerhalb der Zielbranche). Wechsel basieren also auf Profiländerungen – unabhängig davon, ob die Einstellung über LinkedIn zustande kam. Bewerbungen können nur über die Funktion innerhalb von LinkedIn gemessen werden.
Durch Quotenbildung können beide aber als Anteile an der jeweiligen Grundgesamtheit dargestellt werden: die Quote von Stellenwechseln aus anderen Branchen und den gesamten Einstellungen in der jeweiligen Branche, sowie die Quote von Bewerbungen aus anderen Branchen und aus allen Branchen in die jeweilige Branche. Durch diese Quotenbildung werden auch Effekte ausgeblendet, die lediglich dem Wachstum der Plattform LinkedIn geschuldet sind. Die Zeitreihen wurden seit Anfang 2019 mit monatlicher Frequenz generiert und saisonbereinigt. ↩︎ - Weber/Erer (2023) haben das zeigen können am Beispiel der Analyse der Wechseldynamik auf dem Arbeitsmarkt während der Corona-Pandemie: Zu Beginn der Pandemie stieg die branchenspezifische Quote von Bewerbungen aus anderen Branchen im Verhältnis zu allen Bewerbungen in einer Branche deutlich. Ab Mitte 2021 sank sie aber sogar unter das Vorkrisenniveau. Im Jahr 2023 gab es eine Normalisierung. Und tatsächlich ließ sich beobachten, dass nach dem Anstieg der Quote von Bewerbungen aus anderen Branchen im Verlauf des Jahres 2021 auch die tatsächlichen Branchenwechsel zulegten. Nachdem der Bewerbungsindikator wieder gesunken war, gingen zeitverzögert auch die Wechsel zurück. ↩︎
- Unter Berücksichtigung dieser Begrenzung durch plattformbedingte Selektionseffekte kommen die IAB-Vertreter zu dieser Bewertung: Die Ergebnisse aus dem IAB-LinkedIn-Branchenwechsel-Radar lassen sich grundsätzlich mit den Sozialversicherungsdaten des IAB (SIAB) bestätigen, so Weber/Erer (2023 ↩︎