Sie wächst wieder (stärker, als noch vor einigen Monaten erwartet), die deutsche Volkswirtschaft. Das schreiben zumindest namhafte Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem im Auftrag der Bundesregierung erstellten sogenannten „Herbstgutachten 2026“. Das neue Gutachten haben die Institute unter diese Überschrift gestellt: Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen. »Die deutsche Wirtschaft befindet sich seit Ende des Jahres 2025 im Aufschwung. Die Wirtschaftsleistung ist in den vergangenen drei Quartalen nach einer mehrjährigen konjunkturellen Schwächephase beschleunigt gestiegen und liegt nun erstmals wieder über dem Niveau, das im Laufe des Jahres 2022 vor Ausbruch der damaligen Gaspreiskrise erreicht worden war«, heißt es in der heute veröffentlichten Pressemitteilung dazu.
»Das Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 1,3%, im nächsten Jahr um 1,1% und im Jahr 2028 um 0,4% zunehmen. Gegenüber dem Frühjahrsgutachten heben die Institute ihre Prognose damit für das laufende Jahr um 0,7 Prozentpunkte und für das kommende Jahr um 0,2 Prozentpunkte an.«
Wie das, wo doch die gleichen Institute in ihrem vor wenigen Monaten veröffentlichten „Frühjahrsgutachten 2026“ noch weitaus pessimistischer in die Glaskugel geschaut haben? Dazu kann man dem neuen Gutachten entnehmen:
»Gestützt von der expansiven Finanzpolitik und angesichts einer robusten Weltkonjunktur dürfte sich die Erholung grundsätzlich fortsetzen, auch wenn die hohen Energiepreise dämpfend wirken. Der Aufschwung bleibt im Vergleich zu früheren Zeiten ungewöhnlich schwach. Maßgeblich dafür ist das demografiebedingt weiter zurückgehende Potenzialwachstum.«
In einer längeren Mitteilung erläutern die Institute: »Die deutsche Wirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich kräftiger entwickelt als noch im Frühjahr erwartet. Vor allem die Exporte und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten überraschend stark zu. Impulse kamen von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-Boom; zugleich waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-Kriegs erheblichen Produktionsbeeinträchtigungen ausgesetzt. Auch der Staatsverbrauch nahm kräftig zu. Die Unternehmensinvestitionen und der private Konsum blieben dagegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene Energiepreisschock hat die deutsche Wirtschaft zwar gebremst, die höheren Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang aber kaum auf die übrigen Verbraucherpreise übergesprungen.«
»Für das Jahr 2027 erwarten die Institute eine Fortsetzung des Aufschwungs, die vor allem von der inländischen Verwendung getragen wird. Der private Konsum dürfte mit den real verfügbaren Einkommen moderat zulegen, und die Wohnungsbauinvestitionen dürften allmählich anziehen. Die private Investitionstätigkeit bleibt insgesamt jedoch wohl schwach. Im Jahr 2028 verliert die Expansion an Tempo. Dabei zeigt sich zunehmend eine strukturelle Grenze des Aufschwungs: Das Erwerbspersonenpotenzial schrumpft demographiebedingt, und das Potenzialwachstum geht weiter zurück.«
Und was soll das für den Arbeitsmarkt bedeuten?
»Seit Mitte 2023 wurden im Verarbeitenden Gewerbe knapp 400 000 Stellen abgebaut, während im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit mehr als 500 000 Stellen aufgebaut wurden. Auch nach Beschäftigungsart zeigt sich weiterhin das gewohnte Bild: Die Zahl der Selbstständigen und der ausschließlich geringfügig Beschäftigten setzten ihren Abwärtstrend fort, während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nur leicht zurückging. Seit Anfang 2022 ging dabei die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit zurück, während die Zahl derer mit ausländischer Staatsangehörigkeit weiter stieg.
Im Herbstgutachten 2026 findet man unter der Überschrift „Arbeitsmarkt erholt sich mit Verzögerung“ (S. 50 ff.) die folgenden Hinweise:
»Die gesamtwirtschaftliche Erholung ist bisher noch nicht am Arbeitsmarkt angekommen. Die Erwerbstätigkeit ist seit rund anderthalb Jahren rückläufig; in den vergangenen vier Quartalen sank sie saisonbereinigt jeweils um etwa 50.000 Personen. Zudem hat das Statistische Bundesamt die Erwerbstätigenzahlen der vergangenen Jahre deutlich nach unten revidiert.«
Die „branchenspezifischen Trends“ hinsichtlich der Beschäftigung setzen sich fort:
»Seit Mitte 2023 wurden im Verarbeitenden Gewerbe knapp 400.000 Stellen abgebaut, während im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung und Gesundheit mehr als 500 000 Stellen aufgebaut wurden. Auch nach Beschäftigungsart zeigt sich weiterhin das gewohnte Bild: Die Zahl der Selbstständigen und der ausschließlich geringfügig Beschäftigten setzten ihren Abwärtstrend fort, während die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nur leicht zurückging. Seit Anfang 2022 ging dabei die Zahl der Beschäftigten mit deutscher Staatsangehörigkeit zurück, während die Zahl derer mit ausländischer Staatsangehörigkeit weiter stieg.«
Und was bedeutet das für die Arbeitslosigkeit?
»Die Arbeitslosigkeit ist seit einem Jahr nur noch geringfügig gestiegen. Im August lag die Zahl der registrierten Arbeitslosen saisonbereinigt bei knapp drei Millionen Personen; die Arbeitslosenquote betrug 6,4 %. Während die Arbeitslosigkeit im konjunkturreagiblen Rechtskreis SGB III unvermindert zunahm, ging sie im Rechtskreis SGB II zurück. Hinter diesem Rückgang dürfte vor allem ein migrationsbedingter Effekt stehen: Da seit rund zwei Jahren weniger Menschen aus den Hauptasylherkunftsländern (insbesondere aus Syrien und Afghanistan) nach Deutschland kommen, sinkt auch die Zahl der Arbeitslosen mit einer Staatsangehörigkeit dieser Länder. Die konjunkturelle Kurzarbeit nahm in den vergangenen Monaten ab und lag mit 140.000 Personen im Juni etwa 55.000 Personen unter dem Vorjahreswert.«
Gibt es Hoffnung? Was sagen die Frühindikatoren beim Blick in die Glaskugel?
»Die Frühindikatoren senden noch keine eindeutigen Signale für eine Wende am Arbeitsmarkt. Zwar ist das ifo Beschäftigungsbarometer im August kräftig gestiegen – die Beschäftigungspläne haben sich dabei vor allem im Verarbeitenden Gewerbe deutlich verbessert. Der Indikator verbleibt jedoch weiterhin im negativen Bereich, sodass nach wie vor mehr Unternehmen einen Stellenabbau als einen -aufbau planen. Das IAB-Arbeitsmarktbarometer stagnierte zuletzt: Während sich dessen Beschäftigungskomponente in den vergangenen Monaten verschlechterte, verbesserte sich die Einschätzung der Arbeitsagenturen zur Entwicklung der Arbeitslosigkeit für die kommenden drei Monate leicht. Die Zahl der gemeldeten offenen Stellen hat sich seit einigen Monaten kaum verändert.«
Als Prognose geben uns die Wirtschaftsforschungsinstitute das hier mit auf den Weg:
»Vor diesem Hintergrund erwarten die Institute für die kommenden Monate noch keine nennenswerte Veränderung am Arbeitsmarkt. Im weiteren Verlauf dürfte die gesamtwirtschaftliche Erholung zu einem leichten Rückgang der Arbeitslosigkeit führen … Auf Jahresbasis ist zu erwarten, dass die Zahl der registrierten Arbeitslosen im laufenden Jahr um 42.000 Personen steigt, bevor sie im kommenden Jahr um 71.000 Personen und im Jahr 2028 um 183.000 Personen zurückgehen dürfte. Die hieraus resultierenden Arbeitslosenquoten betragen im Durchschnitt des laufenden Jahres 6,4 % sowie 6,2 % und 5,8 % in den Jahren 2027 und 2028 … Die Erwerbstätigkeit dürfte im laufenden Jahr nochmals zurückgehen … Erst im Verlauf des kommenden Jahres wird sie voraussichtlich wieder zulegen, allerdings nur geringfügig, da das Erwerbspersonenpotenzial demografiebedingt weiter schrumpft und die wirtschaftliche Dynamik allmählich wieder nachlässt.«
Wer genauere Zahlen braucht, der wird in der tabellarischen Arbeitsmarktbilanz im Herbstgutachten 2026 fündig:

Soweit die aktuelle Einschätzung des Konsortiums von Wirtschaftsforschungsinstituten, die das Herbstgutachten erstellt haben.
Und was sagen uns die Arbeitsmarkt-Experten vom IAB der Bundesagentur für Arbeit?
Wenn es um den Arbeitsmarkt und seine Entwicklung geht, dann kommt man an den entsprechenden Einschätzungen und Prognosen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) nicht vorbei. Und die haben parallel zum Herbstgutachten eine neue Prognose vorgelegt:
| ➔ Hermann Gartner et al. (2026): IAB-Prognose 2026/2027: Erwerbstätigkeit schrumpft trotz besserer Konjunktur. IAB-Kurzbericht, Nr. 17/2026, Nürnberg: Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), September 2026 |
»Die Konjunktur hat sich nach Jahren der Wirtschaftsschwäche zuletzt stabilisiert. Am Arbeitsmarkt haben sich aber ungünstige Trends fortgesetzt. Die Beschäftigung gerät auch durch die demografische Schrumpfung unter Druck. Der Kurzbericht gibt einen Ausblick bis 2027.«
Die Arbeitsmarktforscher des IAB arbeiten bereits in der Überschrift ihrer Prognose – Erwerbstätigkeit schrumpft trotz besserer Konjunktur – mit einem eher skeptischen Ton. In der Pressemitteilung zur neuen Prognose berichtet das IAB:
»Die Konjunktur hat sich nach Jahren der Wirtschaftsschwäche zuletzt stabilisiert. Die Fiskalpakete und der Export beleben die Wirtschaft, doch die Beschäftigung gerät durch die demographische Schrumpfung unter Druck. Die Zahl der Erwerbstätigen sinkt in diesem Jahr um 210.000 Personen, 2027 wird sie um 140.000 Personen sinken.«
Die demografische Entwicklung wurde bereits im Herbstgutachten 2026 herausgestellt – und die IAB-Forscher belegen den Rückgang des Arbeitsangebots (gemessen am Erwerbspersonenpotenzial) mit diesen Zahlen:
»Gleichzeitig bremst der demografische Wandel das Wachstum des Arbeitskräfteangebots und sorgt in Kombination mit niedrigen Nettozuzügen für einen Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials um 70.000 Personen in 2026 sowie 140.000 Personen in 2027.«
Und mit Blick auf die so bedeutsame sozialversicherungspflichtige Beschäftigung bekommen wir ebenfalls rote Zahlen präsentiert:
»Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten geht ebenfalls zurück. 2026 sinkt diese um 70.000 auf 34,89 Millionen Personen und 2027 um 40.000 Personen auf 34,85 Millionen Personen. Die Rückgänge beruhen allein auf der Vollzeitbeschäftigung.«
➔ Man kann das noch laufenden Jahr durchaus als „historisch“ bezeichnen: „2026 wird damit das erste Jahr seit der Weltfinanzkrise 2009 sein, in dem die sozialversicherungspflichtige Beschäftigung nicht mehr wächst“, wird Enzo Weber vom IAB zitiert. Die Erwerbstätigkeit sinkt auch durch Rückgänge bei Selbstständigen und geringfügig Beschäftigten.
Und die Arbeitslosigkeit?
Im Herbstgutachten 2026 wird eine Abnahme der Zahl der Arbeitslosen im kommenden Jahr um 71.000 vorhergesagt. Die IAB-Forscher sind da skeptischer:
»Die Zahl der Arbeitslosen steigt 2026 um 50.000 und 2027 um 20.000 Personen.«
➔ Interessant im Kontext der gerade vollzogenen Abschaffung des „Bürgergeldes“ und der Änderungen im Zusammenhang mit dem 13. SGB II-Änderungsgesetz ist dieser Hinweis des IAB: »Ein Teil des Anstiegs der Arbeitslosigkeit ist auf geänderte Zumutbarkeitsregeln zurückzuführen, da mehr erziehende Leistungsberechtigte als verfügbar und damit als arbeitslos gelten.«
„Klare Verbesserungen sind nicht absehbar, aber mit stabiler Konjunktur dürfte der Anstieg der Arbeitslosigkeit zu einem Ende kommen“, so Enzo Weber. Vgl. auch ausführlicher ein begleitendes Interview mit Enzo Weber anlässlich der neuen Prognose des IAB.
Und hinsichtlich eines differenzierten Blicks auf die unterschiedlichen Branchen (auch im Herbstgutachten 2026 wird auf die negative Entwicklung in Form von seit längerem anhaltenden Beschäftigungsverlusten im Verarbeitenden Gewerbe hingewiesen) kann man der IAB-Prognose entnehmen:
„Die Umbrüche der Transformation in Verbindung mit einem unsicheren Außenhandel aufgrund der US-amerikanischen Zollpolitik und dem Konflikt im Nahen Osten setzen vor allem das Produzierende Gewerbe unter Druck“, sekundiert Enzo Weber die eher pessimistischen Aussichten für die so bedeutsame Industriebeschäftigung.
»Für 2026 wird daher für diese Branche ein starker Beschäftigungsrückgang von 160.000 Personen prognostiziert, für 2027 ein weiterer Rückgang von 130.000 Personen. Die Lockerung der Schuldenbremse ermöglicht zwar steigende Verteidigungsausgaben, diese kommen jedoch allein der Rüstungsindustrie und deren Zulieferbranchen zugute.
Aber es gibt nicht nur Abbau, sondern auch (weiter) einen Aufwuchs:
»Den höchsten Beschäftigungszuwachs mit 170.000 zusätzlichen Stellen im Jahr 2026 und 150.000 im Jahr 2027 wird es der IAB-Prognose zufolge im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit geben. Das liegt hauptsächlich am Ausbau der Kindertagesbetreuung und an der Alterung der Gesellschaft.«
Das mit der demografischen Entwicklung ist also mindestens ambivalent.
Die Arbeitsmarktbilanz des IAB für die Jahre ab 2020 einschließlich der Prognose für 2026 und 2027 kann man dieser Tabelle entnehmen:

Quelle: Gartner et al. 2026: 6