
Rebecca Lo Bello | Franz Schultheis | Frieda Tertelmann | Julia Hälbich
Arbeit lohnt sich immer?!
Zwischen Sollen, Wollen und Können. Warum Langzeitarbeitslose trotz
Fach- und Arbeitskräftemangel selten in den Arbeitsmarkt eintreten.
Eine qualitative, explorative Studie, herausgegeben von:
EFAS – Evangelischer Fachverband für Arbeit
und soziale Integration e.V. und Sozialunternehmen
NEUE ARBEIT gGmbH Stuttgart
Stuttgart: Sozialunternehmen NEUE ARBEIT gGmbH, 2025
| Die Studie zum kostenlosen Download: ➔ https://arbeit-lohnt-sich-immer.de |
Prof. Dr. Franz Schultheis und Rebecca Lo Bello haben in einen kurzen Video-Beitrag die zentralen Erkenntnisse der Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“ zusammengefasst:
Veranstaltungshinweis:
➔ Hot Topic: „Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?“ am 10. März 2026
Am 10. März 2026 findet von 13:00-14:50 Uhr ein Hot Topic des Deutschen Instituts für intersdiziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS) mit dem Titel „Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?“ digital statt.
Trotz vielfältiger arbeitsmarktpolitischer Programme bleibt die Integration in Arbeit für viele Menschen eine große Herausforderung. Strukturelle Hürden, institutionelle Logiken und komplexe individuelle Lebenslagen stehen einer nachhaltigen Vermittlung häufig entgegen. Zugleich verfolgt die Politik – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Koalitionsvertrags – das Ziel, Vermittlungsprozesse schneller und besser zu gestalten.
Im Hot Topic „Wege aus der Angst: Wie können Vermittlungsprozesse in den Arbeitsmarkt wirksam gelingen?“ diskutieren Vertreter aus Forschung, Praxis, Verwaltung und Politik, wie Vermittlung im Sozialstaat tatsächlich gelingen kann und welche Faktoren hierfür ausschlaggebend sind.
Zum Auftakt begrüßt Prof. Dr. Frank Nullmeier, stellvertretender Direktor des DIFIS, die Teilnehmenden. Anschließend nimmt Elena Weber, Diakonie Deutschland, Arbeitsmarktpolitik und Beschäftigung, eine inhaltliche Einordnung in die politische und mediale Debatte vor.
Im Zentrum der Veranstaltung steht die Vorstellung der Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“. Rebecca Lo Bello (Evangelischer Fachverband für Arbeit und soziale Integration e. V., Studienleitung) und Prof. Dr. Franz Schultheis (Zeppelin Universität Friedrichshafen, wissenschaftliche Begleitung) zeigen, wie komplex die Lebenslagen von Menschen ohne Erwerbsarbeit sind und warum Vermittlung häufig nicht an mangelnder Motivation, sondern an strukturellen Bedingungen, Ängsten und konkreter Vermittlungspraxis scheitert.
Im Anschluss kommentieren die Studienergebnisse aus unterschiedlichen Perspektiven:
– Dr. Hülya Düber, Bundestagsabgeordnete der CDU/CSU-Fraktion, Mitglied im Ausschuss Arbeit und Soziales
– Elisa Fuchs, Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen, Referat II B 3, Steuerung Grundsicherung für Arbeitsuchende
– Marc Hentschke, Vorstandsvorsitzender des Evangelischen Fachverbands für Arbeit und soziale Integration e. V.
– Kathrin Scheiba, Kommunales Jobcenter Hamm AöR, Abteilung Jugend und Erziehende
In der gemeinsamen Diskussion stehen insbesondere die Qualität von Beratung und Vermittlung, die Rolle von Vertrauen und „wohlwollendem Druck“ sowie die Bedeutung partnerschaftlicher Zusammenarbeit zwischen Jobcentern und Beschäftigungs- und Qualifizierungsträgern im Fokus.
Besonders willkommen sind auch Beiträge von Betroffenen, die in der Studie befragt wurden und ihre Erfahrungen in die Debatte einbringen.
Moderation: Prof. Dr. Frank Nullmeier, Universität Bremen, stellvertretender Direktor des Deutschen Instituts für Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (DIFIS), und Katrin Hogh, Evangelischer Fachverband für Arbeit und soziale Integration e. V. (EFAS).
Bitte melden Sie sich möglichst bis zum 03. März unter diesem Link an.
Mit der Anmeldebestätigung erhalten Sie den Teilnahmelink
„Arbeit lohnt sich immer?!“
Zwischen Sollen, Wollen und Können. Warum Langzeitarbeitslose trotz Fach- und Arbeitskräftemangel selten in den Arbeitsmarkt eintreten.
Qualitative, explorative Pilotstudie: „Arbeit lohnt sich immer?! – Zwischen Sollen, Wollen und Können. Warum Langzeitarbeitslose trotz Fach- und Arbeitskräftemangel selten in den Arbeitsmarkt eintreten.
1. Ausgangslage: Die Studie widmet sich der kontroversen Frage: Warum treten Langzeitarbeitslose trotz zahlreicher offener Stellen selten in den Arbeitsmarkt ein? Es ging darum, Langzeitarbeitslosigkeit, ausgehend von der Perspektive Betroffener, zu verstehen.
2. Zielsetzung: Ziel der Studie ist, die Versachlichung in der Debatte um Langzeitarbeitslosigkeit: Ursachen für den Verbleib im Transferbezug sollen differenziert aufgezeigt und Handlungsoptionen erörtert werden.
3. Beteiligungsorientiertes Studiendesign: Langzeitarbeitslose waren als Co-Forscher:innen in gesamten Forschungsprozess eingebunden. Nach einer intensiven Schulung haben sie Interviews auf Augenhöhe mit anderen Betroffenen geführt.Insgesamt fanden bundesweit 34 qualitative Tiefeninterviews sowie drei Fokusgruppen-Workshops statt.
4. Zentrale Erkenntnisse:
- Langzeitarbeitslosigkeit ist ein sich selbst verstärkender Zustand:
Keine Einzelursache, sondern multiple, miteinander verwobene sowie verinnerliche Hemmnisse
Abwärtsspirale und Problemüberfrachtungen führen zu Überlebensmodus, im Extremfall zu Resignation
Starke Sicherheitsorientierung, Zukunftspläne geraten in den Hintergrund
Gina P. (Fall Nr. 13): „Die Krankheit hat mich arbeitslos gemacht und die Arbeitslosigkeit macht mich krank. Und das ist der Kreislauf, der sich immer weiter fortsetzen würde.“
- Ambivalenz und Ängste bezüglich eines Einstiegs in den Arbeitsmarkt zu Mindestlohn:
Haltung liegt häufig zwischen Wollen und Nicht-Wollen und dies trotz hohem Leidensdruck und Wunsch nach einer Perspektive
Ambivalenz liegt begründet in ausgeprägter Angst, vor allem vor dem Übergang in den Arbeitsmarkt
Multiple Angstformen: Angst vor Bewerbungen, Versagensängste, Angst vor Sicherheitsverlust, prekärer Beschäftigung etc.
Betroffene treffen Risiko-und Nutzenabwägungen und fragen sich: Was ist in meiner fragilen Lage leistbar?
Zum Teil sind auch Ressourcen und Zukunftsideen vorhanden, an die man im Rahmen eines Coachings anknüpfen könnte
Matze (Fall Nr. 2): „Ich denke, das (A.d.R. Einstieg in den Arbeitsmarkt) ist eine mächtige Sache von Selbstvertrauen. Wenn man so einen Zettel sieht, nach Hause zu gehen, seine Bewerbungsunterlagen fertig zu machen und mit den Sachen dahin zugehen. Das ist für viele wirklich ein großer Schritt. (…) Also für mich ist das eine Angstsituation.“
Prof. Dr. Markus Promberger (IAB): „Der innovative Hauptbefund der Studie ist aus meiner Sicht vor allem, auf die Unsicherheit und Angst aufmerksam zu machen, die mit Langzeitarbeitslosigkeit, aber auch mit anschließenden Erwerbsaufnahmen verbunden ist“.
- Notwendigkeit nach individueller Begleitung auf Augenhöhe:
Übergang in den ersten Arbeitsmarkt als „heikle Phase“, muss im Rahmen individueller Fallarbeit aktiv angegangen und sensibel begleitet werden
Subjektive Ängste, aber auch Ideen und Ressourcen Betroffener müssen erstgenommen werden und Berücksichtigung finden
Statt Sanktionsandrohungen braucht es wohlwollenden Druck
„Standardverfahren“ in der Vermittlung sind häufig wenig effektiv – für Betroffene und Arbeitgeber:innen
- Bessere Nutzung vorhandener Instrumente sowie stärkerer Einbezug von Good-Practice und Arbeitgeber:innen:
SGB II verfügt über gute Instrumente, diese scheitern jedoch häufig an der Umsetzung (starke regionale Heterogenität, mangelnde zeitliche und finanzielle Ressourcen)
Regionale Good-Practice sollte mehr Berücksichtigung finden
Stärkerer Fokus auf den Einbezug von Arbeitgeber:innen: Entwicklung innovativer Ansätze wie Schnuppertouren zu Arbeitgeber:innen, Buddy-Programme, Betriebspraktika
Beschäftigungsansätze (AGH und 16i) sollten durch flankierende Begleitung stärker als Training-und Transferräumen genutzt werden
Jan Hampp (Bäckermeister und Geschäftsführer von „hamppwerk“):„Und ich glaube, das wäre ein Lösungsansatz, den ich sehr toll finden würde, wenn man mit Langzeitarbeitslosen Betriebsbesichtigungen macht.“
Titus Kaufmann (Unternehmer): „Man darf die Betriebe nicht vergessen, die müssen unbedingt an die Hand genommen werden, weil sonst nichts passiert. Probearbeit, Coaching, aktive Vermarktung, vielleicht auch Mediation, wenn irgendwie was nicht läuft im Unternehmen, dass man dann dazukommt und gemeinsam eine Lösung findet, ohne dass das Beschäftigungsverhältnis gleich schon wieder endet.“
Denis Kreissl (Geschäftsführer von „Ludwig Häberle Logistik“): „Die Branche ist eigentlich ideal für die Menschen, die wieder arbeiten wollen. Mit Zuschuss, glaube ich, könnte es sehr, sehr gut funktionieren. Also ich glaube, da kann man sehr viele Menschen wieder in Lohn und Brot bekommen, wenn man ein gutes Konzept hinkriegt. Der Steuerzahler bezahlt es ja ohnehin, dann können wir das Geld auch so nutzen, dass sie eingegliedert werden.“
Fazit: Es braucht Brücken in den Arbeitsmarkt, diese Brücken müssen durch gute Konzepte gestaltet werden.