„Wir geben jedem eine Chance“. Langzeitarbeitslose besuchen Sicherheitsunternehmen in Esslingen

Von Samuel Weber

Im Rahmen eines Firmenbesuches trafen zehn langzeitarbeitslose Menschen am 11.03.2026 auf Gandhi Gabriel, den Geschäftsführer des Esslinger Sicherheitsunternehmens „Sicherheit, Service, Beratung GmbH“ (SSB) sowie dessen Einsatzleiterin Michel Stracabosko-Dvorski. Ziel des Zusammentreffens war es, Einstiegsmöglichkeiten auszuloten sowie Bewerbungsunterlagen zu übergeben.  

Die von Langzeitarbeitslosigkeit betroffenen Personen kamen vom Sozialunternehmen Neue Arbeit gGmbH, einem Beschäftigungs- und Qualifizierungsunternehmen in Stuttgart, das arbeitsmarktpolitische Maßnahmen für Benachteiligte umsetzt.

In lockerer Atmosphäre stellten Gandhi Gabriel und Michel Stracabosko-Dvorski die 2018 gegründete SSB und ihre Geschäftsbereiche vor: Von Sicherheitskräften bis hin zu Verwaltungspersonal, biete das Unternehmen eine Vielzahl an beruflichen Perspektiven, so Gabriel. In der anschließenden Fragerunde wurden auch heikle Themen wie Sucht angesprochen.

Nach einer Vorstellung des Unternehmens hatten die Langzeitarbeitslosen die Möglichkeiten Fragen zu stellen, aber auch Bedenken, Sorgen und Ängste zu äußern. So wurde danach gefragt, ob gesundheitliche Einschränkungen, Suchtproblematiken oder die Pfändung des Lohnes einen negativen Einfluss auf die Chancen von Bewerbenden hätten. „Wir geben jedem eine Chance.“ So fasste Herr Gabriel seine Grundhaltung zusammen. Psychische Probleme, Sucht und Lohnpfändungen seien keine Seltenheit in unserer Gesellschaft.  Solange man die Vereinbarkeit der Tätigkeit mit den Einschränkungen der entsprechenden Person im Blick behalte, habe er hier schon viele positive Erfahrungen gemacht, so Gabriel. „Jeder hat seine Probleme – die Aufgaben müssen passend sein.“ Herr Gabriel betonte aber auch die Notwendigkeit von ehrlicher und offener Kommunikation: „Ich bin kein Politiker, ich bin nicht diskret, ich stelle Fragen.“ Gerade über Suchtthematiken oder andere persönliche Einschränkungen müsse man offen reden, um Lösungen finden zu können. 

Eine der betroffenen Personen berichtete von fast hundert Bewerbungen, die er in diesem Jahr bereits versendet hatte. Dennoch hatte er kaum die Möglichkeit bekommen, sich in einem Bewerbungsgespräch vorzustellen. Auch äußerten Betroffene die Sorge, aufgrund von gesundheitlichen Problemen, fehlenden Qualifikationen sowie Lücken im Lebenslauf, keine Chance im Bewerbungsverfahren zu haben. Gabriel positionierte sich wohlwollend. Auch jemand ohne Erfahrung könne „stufenweise aufgebaut“ werden. „Jeder Mensch bringt Fähigkeiten von Natur aus mit. Und diese Fähigkeiten muss man erstmal sehen. Nicht das, was auf dem Blatt Papier steht, sondern welche Fähigkeiten hat er. Ich versuche aus jedem das Beste rauszuholen – das ist mein Job. Aber er muss es auch wollen.“ Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit und Arbeits- sowie Lernbereitschaft seien hier für den SSB-Chef die relevanten Schlagworte. Mit dieser offenen Herangehensweise habe man auch schon einige Erfolge erzielt. So erzählte Gabriel von einem neu eingestellten Mitarbeiter mit Migrationsgeschichte. Kollegen hätten über ihn berichtet: „Du, der ist top, der macht alles wirklich gewissenhaft.“ 

Im Anschluss an den offenen Austausch fanden bereits kleine Bewerbungsgespräche statt. Einige der langzeitarbeitslosen Menschen, hatten ihre Bewerbungsunterlagen dabei und haben diese Frau Stracabosko-Dvorski direkt übergeben dürfen. Ein Betroffener äußerte sich sehr positiv über die Möglichkeit, mit einem Arbeitgeber so direkt und persönlich sprechen zu können.

In der Gesamtschau bewerteten beide Parteien, Arbeitsuchende und Arbeitgeber, das Zusammentreffen positiv. Auch Herr Gabriel zeigte sich offen für weitere Besuche dieser Art: „Wenn vielleicht einer unter zehn (Personen) Lust hat mitzuwirken, dann ist das ja schon ein Erfolg. Und wenn die Anderen mal hören, wie ein Arbeitgeber so tickt und das die auch nur mit Wasser kochen, dann ist ja schon was erreicht.“ 

Perspektivisch möchte das Sozialunternehmen Neue Arbeit Stuttgart ein Netzwerk aus Arbeitgebern aufbauen, um regelmäßig mit langzeitarbeitslosen Menschen Unternehmen in der Region zu besuchen. Hintergrund dieses Vorhabens ist vor allem die Studie „Arbeit lohnt sich immer?!“, die vom Evangelischen Fachverband für Arbeit und soziale Integration sowie der neuen Arbeit Stuttgart durchgeführt wurde. Die Studie macht nicht nur deutlich, wie vorurteilsbehaftet Arbeitgeber häufig gegenüber Langzeitarbeitslosen sind. Sondern zeigt auch, dass langjährige Arbeitslosigkeit zu massiven Ängsten führt, mit Arbeitgebern in Kontakt zu treten. Mit ihrem Vorhaben trägt die Neue Arbeit genau dieser Erkenntnis Rechnung, und möchte so Brücken zwischen Langzeitarbeitslosen und Arbeitgebern bauen.

(Stuttgart, 10.04.2026)